January 8, 2013 0

“Living Archive” – diesmal bei Memorial Moskau

By in Projekte

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle die unten beschriebene Aktion vom 17. Dezember 2012 (an der ich leider selbst nicht teilnehmen konnte, da ich nicht in Moskau bin) “fremddokumentieren” und kommentieren, da mich natürlich das Stichwort “living archive” neugierig gemacht hatte und es hier um das Zusammenspiel von Zeitgeschichte, Archiv und Erinnerung geht, noch dazu von einem Künstler aufgearbeitet oder interpretiert. Das symbolische “Namennennen” (hier der Opfer von stalinschen Repressionen) ist eine in diesem Zusammenhang oft genutzte Geste des Erinnerns, bzw. der Ermöglichung eines Kollektiven Gedächtnisses. “Sticking labels” und “Gedenktafeln anbringen” sind zwei Varianten desselben archivischen Prozesses – an diesen Thesen entlang wollte ich die Aktion rezensieren.

Bisher ist aber leider weder bei Memorial noch bei den beteiligten Künstlern eine Dokumentation im Netz aufgetaucht. Ich bleibe dran und werde den Post aktualisieren, sobald es geht! Ich hänge hier noch die in Facebook veröffentlichte Einladung an (Übersetzung von mir):

Memorial International und der Künstler Haim Sokol laden ein zur Projektpräsentation “Monument eines Menschen/Einzelnen” und “Briefe. Ein lebendiges Archiv”

Die Aktion “Monument eines Menschen” fand im Sommer 2012 statt. Das Projekt “Briefe. Ein lebendiges Archiv” startete Ende Oktober 2012. Diese Projekte entstanden an der Nahtstelle von Dokumentalistik, Bildung und Kunst. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand das Archiv. Wir konzentrierten uns in erster Linie auf private Korrespondenz, weil uns scheint, dass der Brief ein an die Zukunft, d.h. an uns gerichtetes Zeugnis ist. In jedem dieser Briefe wendet sich die Historie nicht in der gesichtslosen Sprache der Geschichtsbücher an den Leser, nicht mit triumphierender Stimme von einer Tribüne herab, sondern mit den einfachen Worten eines konkreten Menschen. Eins zu eins. In der ersten Person.

Das Archiv ist der Ort der historischen Erwartungen. Aber ohne die Anwesenheit von Menschen wird dieser Ort leer bleiben. Daher war unsere Aufgabe, ihn mit Menschen zu füllen. Dazu wurde das „lebendige Archiv“ geschaffen, in welchem heutige Menschen vor der Kamera Briefe aus dem Archiv des “Memorial” lesen. Wir wollen, dass in unseren Stimmen, die wir den alten Briefen leihen, das Echo der längst „Verstummten” widerhallt.

Der Wind der Geschichte weht wieder durch unsere Städte. Es entsteht die Notwendigkeit, zusammen mit dem Stadtraum die Zeit zu okkupieren. Die Stadt wird das neue Geschichtslehrbuch. Wir wollen das Recht auf die Stadt nicht nur für uns selbst zurückholen, sondern es auch denen zurückgeben, denen es seinerzeit zusammen mit Leben und Freiheit gewaltsam genommen wurde. Anders ausgedrückt – wir müssen uns die Geschichte zurückholen und damit gleichzeitig die Gegenwart vereinnahmen.

Das ist eine unwahrscheinlich schwierige Aufgabe in der modernen Welt. Wie über die Geschichte sprechen? Über welche Geschichte? Wie sie aktualisieren? Das sind Fragen für einen breiten gesellschaftlichen Diskurs. Aber schon jetzt ist offenbar, dass man bei der Beantwortung dieser Fragen ohne die zeitgenössische Kunst nicht weit vorankommt.

Andererseits sind wird davon überzeugt, dass eine zivilgesellschaftliche Organisation nicht einfach eine weitere Ausstellungsfläche für Künstler sein kann. Sie bietet ein Umfeld, in dem Kunst, die auf der Suche nach sozialer Aktualität aus der Galerie herausgetreten ist, ihr emanzipatorisches Potenzial entfalten kann. Sie bietet ein Umfeld, das für die Kunst eine neue Dimension eröffnet, die Möglichkeit, den Verlockungen der Selbstinstitutionalisierung zu widerstehen und dabei dennoch Kunst zu bleiben.

Diese Aufeinanderzubewegung begann schon vor längerer Zeit. Die Aktionen von Memorial “Die Rückgabe der Namen” am Soloveckijstein (Mahnmal für die Opfer politischer Repressionen in der UdSSR, A.d.Ü.) an der Lubjanka, die nicht genehmigte Anbringung von Gedenktafeln am „Erschießungshaus“ (zu Zeiten des Großen Terrors befand sich im Haus in der Nikol’skaja Straße 23 das Kriegskollegium des Obersten Gerichts der UdSSR, A.d.Ü.) und an den Häusern Erschossener im Zentrum Moskaus, das ebenfalls nicht genehmigte Ankleben von Briefen aus dem Archiv von Memorial an Moskauer Häusern, experimentelles Theater unter Verwendung von Archivmaterialien u.a. skizzieren eine Aktionsmethode, die man wohl als Übersetzung von Forschungspraktiken in künstlerische Gesten bezeichnen kann.

Tags: , , , , ,

Leave a Reply