June 26, 2013 0

Die Personalie Marat Gel’man

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Der Tausendsassa der zeitgenössischen russischen Kunst Marat Gel’man, Galerist, Kurator, Medienmacher und PR-Manager in einer Person, war schon immer eine schillernde und umstrittene Figur. Am 19. Juni 2013 ist er vom Kultusminister der Region Perm als Direktor des dortigen Museums für Zeitgenössosche Kunst “PERMM” entlassen worden.

Gel’man ist selbst ein Star, dem seine mediale Außenwirkung wichtig ist, der sein Image und seine Tätigkeit konzipiert und “performed” wie ein Kunstwerk. Das wurde ihm oft vorgeworfen und ist ihm auch in Perm scheinbar wieder zum Verhängnis geworden, obwohl von offizieller Seite keine Begründungen für seine Entlassung verlautbart wurden.

Von Seiten einiger kritischer Künstler wurde und wird ihm, d.h. Gel’man, Anbiederung an die Behörden und Staatsnähe vorgeworfen, als handele es sich um einen Akt der “Kollaboration”, nicht zuletzt, als er seine erfolgreiche Galerie im Vinzavod in Moskau schloss (siehe HIER), um in Perm Museumsdirektor zu werden. Dabei zeigt das doch nur, welch wichtige Schlüsselposition er in einem Land inne hat, in dem sich Kunst und Politik als unversöhnliche Pole einander gegenüberstehen. Oder als er sich im Zuge des Pussy Riot-Skandals oder nach der Erstürmung der Ausstellung “Icons” durch selbsternannte Kosacken (zur Ausstellung in Krasnodar im Mai 2012 HIER) zur Zusammenarbeit mit der orthodoxen Kirche bereit erklärte, die ein eigenes Zentrum für zeitgenössische Kunst eröffnen wollte. Gel’man war bereit, ernsthaft mit Vsevolod Chaplin über das Projekt zu reden, machte sich und den Medien allerdings keine Illusionen über die Realisierbarkeit und Sinnhaftigkeit des Projektes und zweifelte öffentlich am ernstgemeinten Interesse an Dialog und Verständigung seitens der Würdenträger der ROK. Zu dieser Zusammenarbeit ist es nie gekommen.

Kulturimport in die Provinz, ist das eine Gefahr? So lautet jedenfalls der Protest der einheimischen Kulturakteure in Perm und Krasnodar, die in Gel’man eine Art “Moskauer Virus” sehen, Skandalkunst um jeden Preis, gotteslästerlich, jüdisch, kommerziell, trashig, um nur einige der Vorwürfe aufzuzählen, die Gel’man immer wieder entgegen schallen.

Dass es Gel’man aber um mehr ging, als nur einen Markt für sich und die etablierten Moskauer Künstler aus seinem Umfeld zu erschließen, beweist die Reaktion der Künstlerin Lusine Džanjan aus Krasnodar, die ihre Teilnahme am von Gel’man mitorganisierten Festival “Belye Noči v Permi” (1.-23.Juni 2013) mit der Begründung absagte, dass eine Reihe von Ausstellungen im Rahmen des Festivals geschlossen oder verhindert wurden und letztlich Gel’man selbst seinen Posten freimachen musste. Gel’man hatte übrigens die betreffenden Ausstellungen eigenmächtig wiedereröffnet, was die Kulturbürokraten sicher verärgert und letztlich zur Eskalation der Situation beigetragen hat.

(Eine Zusammenfassung der Vorgänge in der “Welt” von Julia Smirnova HIER)

Mittlerweile kursiert im Netz ein vom Künstler Anton Litvin initiierter offener Brief zur Unterstützung Gel’mans, in dem auf das “moralische Recht der Künstler und Intellektuellen Russlands auf Information” gepocht wird und auf “die Pflicht, eine öffentliche Erklärung über die Gründe der Entlassung beim Gubernator des Gebiets Perm’ einzufordern.” (HIER)

Klar, Zensur und behördliche Einmischung ist immer zu verurteilen, aber muss man sich mit Gel’man auf diese Weise solidarisieren? Wurde der Stratege zum Opfer? Ist es nicht geradezu naiv, sich mit dem Verweis auf ein “Recht der Öffentlichkeit auf Information” an Funktionsträger zu wenden, die gerade genau dieses Recht mit ihren Ausstellungsschließungen und Entlassungen zu umgehen versucht haben?
Und gehört, gerade bei Marat Gel’man, dieses klappern nicht zum Handwerk? Er hat es nicht nötig, Kompromisse zu machen, Verhandlungen zu führen, Entgegenkommen zu zeigen. Er hat keine Angst vor Konfrontationen und Skadalen und erreicht damit dennoch mehr, als weichgespülte Verständigungskunst je erreichen könnte. Die Entlassung ist aus der Sicht der Behörden folgerichtig. Schaden wird es Gel’man nicht. Den Schaden trägt die Stadt Perm’, die mit Marat Gel’man eine Sehenswürdigkeit verliert wieder in die kulturelle und geographische Bedeutungslosigkeit zurück fällt. Ihr sollte die Solidarität der Kunstschaffenden jetzt gelten, hier müssten Alternativen, Strukturen geschaffen werden, die nicht von Einzelpersonen abhängen.

Es hilft also weder eine Soliaktion mit Gel’man persönlich, noch ein Boykott des Festivals aus Protest an seiner Entlassung. Nach wie vor mangelt es in der russischen Provinz an regional fest verankerten Strukturen, die ein attraktives kulturelles Leben ohne Schützenhilfe aus Moskau organisieren könnten. Und es mangelt an behördlicher Gelassenheit, genau das zu unterstützen. Auch wenn es paradox erscheinen mag – genau so funktioniert Kulturförderung: mit staatlichem Geld werden Projekte unterstützt, die auch kritisch sein können, egal, ob es um Kirche, Kosacken oder Sochi 2014 geht.

Und genau das wollte Erzpriester Vsevolod Chaplin mit seinem Zentrum für Zeitgenössische Kunst nicht. Ihm ging es um konforme Kunst, die mit der russischen Orthodoxie vereinbar sei. Und er selbst würde das natürlich definieren. So wie der Kulturminister des Gebiets Perm in Bezug auf das Festival. Sich darauf einzulassen, hat ein Marat Gel’man nicht nötig.

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