October 16, 2013 0

One Danae. Zakharov als Investition

By in Ausstellungen, Personen

Vadim Zakharov in Venedig

Gleich Anfang Juni, mit Eröffnung der Biennale in Venedig stürzte sich das russische und internationale Internet-Feuilleton auf den russischen Pavillon. Drei große Namen stehen dahinter – als Künstler Vadim Zakharov, als Kurator Udo Kittelmann und als Kommissarin Stella Kesareva. Ein eingespieltes Team. Nun ist der letzte Monat der Biennale angebrochen, es ist Zeit für eine Zwischenkritik des Projekts “Danae”. Mittlerweile liegt mir auch der bei Hatje Cantz erschienene Katalog vor, denn nach Venedig werde ich es leider auch in diesem Biennaleherbst nicht mehr schaffen.

Vadim Zakharov. One Danae.

Vadim Zakharov. One Danae.

Zakharov zeigt sich mit “Danae” hochklassig, innovativ in seinem Konservativismus, avantgardistisch-klassisch. Er bleibt sich doch selber treu. Das internationale Feuilleton überschlägt sich vor Begeisterung (HIER) und erklärt Zakharovs Installation zu den besten der diesjährigen Biennale (HIER).
Wie am Katalog gut zu sehen, ist mal wieder der Typograph und Archivar mit ihm durchgegangen. Zwei seiner vielfältigen, wie soll ich sagen, Alter Egos, Figurenkreationen, die sich, wie dreistöckig, abgehoben oder hermetisch ein Zakharov-Projekt auch sein mag, immer irgendwo einschleichen, wiederfinden lassen und einen Zugang, einen Ausgangspunkt für eine Interpretation bieten. Wiedererkennungseffekt. Zakharov-Style. Und immer und immer wieder – das Projekt der Selbstarchivierung (mit dem Artikel von Nicholas Cullinan “Vadim Zakharov’s Archive Fever” nimmt selbst der Katalog noch einmal darauf Bezug). Bei wem die Assoziation Aktenordner aufkommt – richtig!

Vadim Zakharov. One Danae.

Vadim Zakharov. Danae.

Wer an die 1998 Ausgabe des “Präprintiums” von Günter Hirt und Sascha Wonders denken muss – auch richtig!

Vadim Zakharov "Danae"; Günter Hirt, Sascha Wonders "Präprintium".

Vadim Zakharov “Danae”; Günter Hirt, Sascha Wonders “Präprintium”.

Zakharovs Installation lebt, wie schon viele vor ihr, auch vom Wiedererkennungseffekt. Er bebildert das Weltwissen – immer wieder die griechische Mythologie. Den Zusammenhang zwischen Kunst und Geld anhand des Mythos der Danae vorzuführen – nicht so weit hergeholt. Der Geldregen, klar, naheliegend. Manche wollen ihm sogar Kapitalismuskritik zuschreiben. Das halte ich für etwas weit hergeholt, Zakharov ist kein Kapitalismuskritiker. Sonst hätte sich Russland wahrscheinlich auch nicht von ihm repräsentieren lassen. Aber er ist, obwohl mittlerweile arriviert, ein extrem eigenständiger Künstler. Er kreiert metaphorische Personagen, Figuren – willkommen Herr Ackermann auf dem hohen Ross! Das Bild mit den Erdnüssen (Peanuts!) ist auch nur auf dem ersten Blick absurd. Die spezifische Ästhetik der Zakharovschen Installationen und Werke entsteht immer erst im Zusammenspiel all dieser Elemente – Mythos, Ironie, Kunstkanon. Inklusive Selbstreflexion und Retrospektive auf das eigene Schaffen – Wer ist hier die Danae, wer ist Zeus? Wer investiert in Verführung und wer wird verführt? Was ist denn nun der Gegenwert einer Danae-Münze? Nur ein Souvenir aus Venedig? Oder eine Investition in künstlerische Zeugungskraft? Hier zirkuliert das Geld eigens, um es glänzen und klingen zu lassen. Das sind diese synästhetischen Überraschungen, von denen sich die Besucher und Kritiker des Biennaleprojektes so eingenommen zeigen – vom “Sound” des Goldregens (HIER), von den neuen Blickachsen innerhalb des Pavillons (vom Dach bis in den Keller), den Aktionsformen (nur Frauen dürfen in den Keller, das Geld einsammeln und es zurück in den Kreislauf befördern).

Zakharovs Werke sind auf dem ersten Blick eigen und verwirrend. Unspezifisch. Aber jedes einzelne baut auf den vorangegangenen auf. Vadim Zakharov ist nicht nur Archivar in eigener Sache. Er ist Experte darin, seine Objekte in anderen ästhetischen Zusammenhängen immer wieder neu zu interpretieren, zu reperformativieren.
Der “Execution Chair of Love” ist von 2004.
Die Sache mit den Münzen – das war schonmal im Rahmen seiner Serie “Stimulirovanie” (1980) – Passanten sollten durch auf den Boden gelegte Münzen. Bilder dazu “stimuliert” werden, sie aufzuheben. Auch in der aktuellen Installation soll der Geldregen zu einer Handlung stimulieren, Frauen werden dazu aufgerufen, sich mit einem Schirm in den Goldregen zu stellen, eine Münze einzustecken.
Der Aktenordner, der “Standard Leitz Archivordner” zieht sich als Objekt, Bild oder Typo-Prototyp durch das gesamte Schaffen Zakharovs (HIER und HIER oder auch HIER), selbst in seiner Funktion als Wasserspeier hat ihn Zakharov schon mehrfach eingesetzt und hier reaktiviert (Fontan “Aqua Sacra, 1992). Von hier ist die Assoziationskette nicht mehr lang bis zu Duchamps Pissoir.
Oder – das quadratische Loch im Keller des russischen Pavillons ruft die Aktion “kolodec” (“Der Schacht”, 1983) ebenso auf wie das Schwarze Quadrat Malevičs. Wenn das nicht die Aufführung einer Selbstkanonisierung ist, was dann ?!
Selbst Udo Kittelmann parasitiert an standardisierten konzeptualistischen Formen und erklärt im Katalog Zakharovs Danae in kurzen Lemmata mit Zitaten aus Internetenzyklopädien. Überhaupt, Kittelmann. Was ist im russischen Pavillon Kittelmann, und was Zakharov? Vielleicht ging es Kittelmann, dem langjährigen Freund des Künstlers und Kenner seines Werkes, ja tatsächlich darum, eine begehbare Zakharov-Enzyklopädie zu schaffen? Je nach Aktenlage.

Links:

Interview mit Zakharov von Mascha Danova, noch im Vorherein, als alles noch geheim war: HIER
Zakharov erklärt den Zusammenhang mit dem frühen Moskauer Konzeptualismus, dem er noch immer verpflichtet ist (obwohl es niemand mehr hören kann…), auch wenn sein Werk optisch-ästhetisch sehr viel raumgreifender, “heutiger” geworden ist.

Gleb Napreenkos tiefschürfende Rezension auf Colta.ru (HIER) bezeichnet Zakharovs Danae-Installation als “manieristisch” und reiht sich nicht in die begeisterten Besprechungen ein. Und ist doch eine der besten.

Fotoserie des Fotografen Daniel Zakharov (Berlin): HIER
Der Sohn des Künstlers selbst schuf die im Internet kursierende und im Katalog publizierte Ikonographie des Projektes. Vzgljad iznutri.

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