November 16, 2013 1

THE ARTIST’S LEIB – REVISITED

By in current, Gedanken, Performances

nochmal zum thema “körper des künstlers”:

im september fand im leipziger gwzo die konferenz „leibesvisitationen“ statt (HIER), die den körper des künstlers als mediales politikum in postsozialistischen kulturen und literaturen thematisierte. dort sprach ich über monastyrskijs videostück „razgovor s lampoj“ als paradoxem monument zwischen dem testlauf einer archivischen autoamputation und der im ergebnis weiter perpetuierten selbstarchivierung (HIER).

zeitlich überschnitt sich diese teleologische konferenz mit einer ausstellung in der moskauer galerie soljanka unter dem titel “zoopark chudožnikov” („künstlerzoo“) (HIER), in der performancekünstler mehrere tage lang hinter gittern werke schufen oder aktionen durchführten und dabei gleichzeitig von den „zoobesuchern“ beobachtet werden konnten. im rahmen ihres projektes „podpol‘naja tipografija“ initiierten natal‘ja abalakova und anatolij Žigalov während ihrer zeit im käfig eine facebook-diskussion über das thema „freiheit“, und meinten damit natürlich in erster linie die freiheit der künste und der künstler im heutigen russland. es überstieg meine kräfte und zeitlichen kapazitäten, den gesamten mehrtägigen fb-thread von ca. 40 eingeladenen diskutierenden auch nur annähernd zu verfolgen, daher kann ich hier auch keine argumentativen roten linien oder brennpunkte der diskussion wiedergeben. dokumentiert ist die aktion aber fotografisch und in vielen videos (z.B. HIER), eine buchproduktion ist ebenfalls angedacht. das wird allein schon technisch interessant, da facebook bekanntermaßen keine werkzeuge zum bequemen zugriff auf eigene daten bietet.

подпольная типография, фото @Таня Сушенкова

подпольная типография, фото @Таня Сушенкова

die schnittstelle der beiden diskurse über den körper und die freiheit aber liegt paradoxerweise auf dem roten platz in moskau und wurde dort von petr pavlenskij sichtbar markiert, der dort am 10. november 2013 (am „tag des polizisten“) seine hoden an das kopfsteinpflaster genagelt hat. (sehr gute interviews mit pavlenskij HIER und HIER). pavlenskij stand schon mit zugenähtem mund oder eingewickelt in stacheldraht vor petersburger gerichten. sein aktionistisches repertoire ist als eher traditionell zu bezeichnen (es ist interessant, wieviele traditionslinien sich für seine aktionen anbieten – die figur jesu christi wird angeführt, die wiener aktionisten), es geht weder um provokation noch um selbstverletzung oder gar masochismus, und doch oder vielleicht gerade deshalb sind die von ihm geschaffenen bilder (und ja, ich bin der ansicht, es geht in erster linie um die bilder) so treffend, seine metaphern so pointiert. obwohl man das genre wohl “aktion” nennen muss, ist der AKT als solches hier überhaupt nicht entscheidend – weder der entblößte körper des künstlers, noch der vollzug des annagelns. vielmehr geht es um den blick nach unten, zwischen die beine und den moment der passivität, der agonie angesichts der tatsache, hilflos der gewalt ausgeliefert zu sein (am kreml angenagelt). er fixiert nicht nur seinen hoden am pflaster. er fixiert ihn auch mit seinen augen. der titel der aktion ist: “fiksacija”. er weidet auch den moment aus, den schnell herbeigeeilten polizisten nicht antworten zu müssen, zu können, denn wie könnte er, angenagelt an das pflaster, nach aufforderung seinen namen nennen…. und wie sollen sie ihn wegschaffen, angenagelt…

ach und noch eine traditionslinie aus dem moskauer aktionismus wird durch den roten platz als ort der aktion natürlich weitergeschrieben: schon 1991 schrieb anatolij osmolovskij das dreibuchstabige wort “Х..” (“Schwanz”) aus menschlichen körpern auf die pflastersteine (HIER). im januar 2012 tanzten die frauen von pussy riot hier einen wilden galopp zu ihrem titel “putin zassal” (“Putin pissed himself”) (HIER) – die Bilder sind bekannt und gingen um die Welt.

Pussy Riot, 12.1.2012, Roter Platz Moskau

Pussy Riot, 12.1.2012, Roter Platz Moskau

pavlenskij drohen jetzt bis zu fünf jahren haft. ich bin extrem gespannt, wie das verfahren laufen wird. ob ein neues exempel statuiert wird. oder ob, wie pavlenskij selbst über die befragungen direkt im anschluss an die aktion und seine ingewahrsnahme resümiert: “sie waren bemüht, mir nachzuweisen, dass die aktion eigentlich überflüssig gewesen sei. dass es keinen polizeistaat und keine willkür gäbe.”

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One Response to “THE ARTIST’S LEIB – REVISITED”

  1. [...] dass das Thema ‘Freiheit’ gerade mal wieder in meinem letzten Post aufgekommen ist (HIER). Immer wieder drängte sich die Frage nach der Freiheit der Kunst und den daraus resultierenden [...]

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