November 4, 2014 0

All we needed was love. All we got was homework.

By in Gedanken

ACHTUNG, OFF TOPIC!
Persönliche Gedanken zur Wende und was diese mit uns Schülern der 90er Jahre gemacht hat, anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls.

Abi 1997, Marktplatz Schwerin

Abi 1997, Marktplatz Schwerin

Mit der Wende hielt das Chaos in den Schulen des Ostens Einzug. Und verließ sie so schnell nicht wieder. Über Nacht wurden Lehrpläne, Schulbücher, Lebensjahre und Berufserfahrungen obsolet, einfach weggeschmissen. Die Lehrer streckten die Waffen. Hauten ab in den Westen. Von dort kamen auch neue, die hier als Lehrer die offenen Stellen besetzen wollten oder sollten. Meistens junge, strenge, ambitionierte. Wir sahen sie wieder fliehen. Trotz Buschzulage. Vor den Zuständen. Vor uns? Ich sah Dutzende Schuldirektoren scheitern. Sie kapitulierten, zerrissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwischen Politik, Bürokratie und Wirklichkeit. Wir lernten, was Dienst nach Vorschrift sein kann. Alle saßen die Zeit ab. Die Schulpflicht war der einzige Grund, warum wir uns alle halbwegs regelmäßig immer wieder hier einfanden. Und trotzdem wurde die Schule immer leerer. Viele Familien gingen in den Westen, Mitschüler und Lehrer fehlten plötzlich. Die Stundenpläne wurden auch. Nicht einzelne Stunden, ganze Fächer fielen aus. Jahrelang. Ich hatte Englisch erst ab der 7., Bio ab der 8. Klasse. Wir hatten keine Schulbücher. Die alten kamen klassensatzweise in den Abfall, neue mussten erst ausgesucht und für nicht vorhandenes Geld gekauft werden. Es gab kein Mittag mehr. Cateringunternehmen gab es noch nicht und die schuleigene Küche entsprach plötzlich irgendwelchen Vorschriften nicht mehr. Marode Gebäude wurden leergezogen, wir hausten in Containern und gastierten über die Stadt verteilt in anderen Schulen.

Dann hat man das dreigliedrige System eingeführt. Die Klassen wurden durchgeschüttelt, wir wurden in „Gymnasium“ und „Rest“ eingeteilt und getrennt unterrichtet, schon als es diese Schulen noch gar nicht gab. Das Kurssystem in der Sekundarstufe II wurde eingeführt. Faktisch konnten wir in den paar „vorrätigen“, etablierten Fächern (also für die es gerade Lehrer gab) zwischen Grund- und Leistungskurs wählen. Die restlichen Stunden wurden mit Volleyball aufgefüllt. In Theorie und Praxis.

Man hat dann versucht, uns einen Chrashkurs in Demokratie und Staatsbürgerkunde, ach nein, das hieß dann, ähm, Sozialkunde, überzuhelfen. Wir lernten das Schema der repräsentativen und parlamentarischen Demokratie und der Gewaltenteilung auswendig, paukten die Gesetze von Angebot und Nachfrage. Wir durften Klassensprecher wählen und es gab eine Schulkonferenz, in der auch zwei Schülervertreter saßen. Hier übten sich aber eher die zukünftigen Staatssekretäre in Lobbyismus. Querdenker und Diskutierer hatten keinen Platz in der Versammlung. Niemand, aber wirklich NIEMAND sprach mit uns über das, was hier vorging! Nicht EIN Lehrer, der den Arsch in der Hose gehabt und zu uns Schülern gesagt hätte: „Ich weiß auch nicht, was hier vorgeht. Ich habe auch Ängste und Sorgen, sehe das Chaos und weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Aber lasst uns drüber sprechen und lasst uns überlegen, wie wir zusammen das beste draus machen.“ DAS wäre wirkliche, direkte Demokratie gewesen. DAS wäre das Zeichen gewesen, dass wir als Menschen ernst genommen werden. Dass hier gerade Geschichte geschrieben wird, und wir ein Teil davon sind. Dass noch alles offen ist. Und vielleicht noch offen bleiben sollte, bis wir eine Idee haben, wie wir Schule gemeinsam gestalten wollen. Erst später wurde mir klar, dass Schule überhaupt nicht als Ort verstanden wurde (und wird), der von den „Beteiligten“ mitzugestalten wäre. Schule hat politische Anforderungen zu erfüllen (die damals auch von Seiten der Politik noch nicht abschließend formuliert waren), und that’s it.

Es gab auch beliebte Lehrer. Mit denen sprachen wir über Musik und machten Partys.

Zwischendurch starb Curt Cobain und alles wurde noch schlimmer.

In meiner Abirede habe ich schon 1997 versucht, das alles in verwirrend poetischen Worten zusammenzufassen, was ich mit der Schulzeit verbinde. Von Dankbarkeit und Schönste-Zeit-des-Lebens-Rhetorik keine Spur. Die Rede wurde im Jahrbuch nicht abgedruckt. Es wurde nie wieder darüber geredet. Es ging und geht mir nicht um eine Abrechnung. Es geht mir mehr um eine Spurensuche, woher einige meiner Prägungen und Überzeugungen kommen. Warum es mir für meine Tochter so wichtig war, dass sie eine Freie Schule besuchen kann. Warum ich immernoch mit meinen eigenen Zukunftsplänen hadere.

Ich habe die Schule ohne Bedauern verlassen. Was ich mitgenommen habe, ist ein wenig kanonisches humanistisches Wissen, viel Trotz, und die Gewissheit, dass echte Mitbestimmung nie gewollt war. Das Erwachsene offenbar immer Recht haben. Dass Angstpädagogik zwar nicht mehr mit dem Stock, aber dafür mit der „Aus-dir-wird-nichts“-Keule praktiziert wird.

Bitte räumt jetzt nicht ein, das sei ein Extrembeispiel und eine besondere Zeit und eigentlich sei ja alles gar nicht so schlimm gewesen. Aber wann, wenn nicht in Zeiten von Krisen und politischen Umbrüchen ist Engagement gefragt? Wer, wenn nicht die Schüler, sollten in eine Kultur der Mitbestimmung und Gleichberechtigung hineinwachsen?

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