January 25, 2016 2

Unfinished Dissertation

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“Boris Michailow klebte diese Bilder dann in beliebiger Reihenfolge auf billiges Schreibmaschinenpapier, auf dessen Vorderseite jemand eine Dissertation angefangen hatte.”*

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Unvollendete Dissertation

“In der Beschreibung seines Werkes der achtziger Jahre hob Michailow seine Nähe zu Foucaults Begriff des ‘Archivs’ hervor [...].”*

Ach, der auch? Michailows Arbeiten kreisen um den Wesenskern der Fotografie, ihn immer und immer wieder verfehlend. Sie sind nicht einmalig, nicht individuell, nicht ästhetisch, nicht dokumentarisch. Und dennoch formieren sie sich zu Alben, zu Zeitmomenten, triggern Erinnerungen an und reihen sich in philosophische Kontexte ein. Wie machen die das? Es muss mit der Negation des Absichtsvollen zu tun haben. Das Foucaultsche Archiv ist ebenfalls seitenlang und fast ausschließlich negativ definiert. “Das Archiv ist nicht…” “Mit diesem Ausdruck meine ich nicht…” “Es ist nicht beschreibbar…”, “…die Diskurse haben gerade aufgehört, die unsrigen zu sein…” So Foucault in der “Archäologie des Wissens”. So seine Archivapophatik. Und so schön anschlussfähig und produktiv für das, was ich aus dem Archiv machen wollte, ein lebendiges, wirkungsmächtiges Ding, nicht nur Grab und Geist, sondern Quelle und Performance. Verrückt. Dafür kann ich mich begeistern. Und gleichzeitig lähmt mich das Empfinden, aus dem so herrlich Ungreifbaren eine nachvollziehbare Formel machen zu müssen. Mir fehlt ein ganzes Stück wissenschaftlicher Esprit, mit Schwung und Plan das Unsagbare auszusprechen, stehen- und wirken zu lassen. Mein Doktorvater Georg Witte hat genau dieses mitreißende Talent. Wunderbar.

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Неоконченная диссертация // Das ist nicht mein Buch. Und nicht meine Handschrift.

Aber doch. Boris Michailow als ein typischer Vertreter des sowjetischen Selbstarchivierungsfetischs hatte mir eine Menge zu sagen. Der Fotograf, dessen Selbstportrait ohne das eigene Bild auskommt. Dessen Fotografie eigenartig bildlos bleibt, ein Dokument des Belanglosen. Dessen Authentizität immer haarscharf am Voyeurismus vorbeischrammt.
Immerhin habe ich sehr lange an einem wissenschaftlichen Text über die Ästhetiken und Praktiken der Selbstarchivierung einiger Moskauer Künstler der achtziger Jahre, die aus der Not eine Tugend und aus der Marginalisierung eine Methode gemacht hatten, gebrütet. Und er ist mir verloren gegangen, der Text. Ist mir entglitten, wie der rote Faden, der Anfang und Ende miteinander verbindet. Unter den Stapeln der Lebensprojekte auf dem Schreibtisch ist dieser Text immer wieder verbuddelt und wieder herausgekramt worden.
Ich habe mich (!) irgendwie wieder hervorgekramt und freue mich über die Frischluft. Nun ist es klar – es wird kein Buch mehr. Es bleibt bei einer unvollendeten Dissertation. Ich habe sie nicht in den Papiermüll entsorgt oder ins Feuer geschmissen. Es geht mir gar nicht um Abrechnung. Zwar wird die Unvollendetheit meines Textes dann kaum als ästhetisches Prinzip für die Arbeit eines Anderen dienen können. Ich werfe ihn nicht weg. Kein Michailow wird Bilder raufkleben. Er bleibt meins. Ich habe einige wichtige Jahre meines Lebens mit ihm verbracht.

Außerdem ist hier, in diesem Blog, von Anfang an alles ziemlich genau dokumentiert. Es sind viele Stationen und Gedanken nachvollziehbar, alle Publikationen gelistet und verlinkt. Das ist nicht nichts! Und ich werde weiter dokumentieren. Weiter beobachten, ausarbeiten, veröffentlichen. Reisen, Interviews, Bilder, Kritiken, Übersetzungen. Vielleicht wird aus dem Puzzle doch eines Tages noch ein Stück Bild. Aber erst einmal bin ich froh, keinen unlesbaren Ziegelstein mehr verfassen und verteidigen zu müssen für einen Titel, der mir nichts bedeutet und eine Perspektive, die eine Illusion ist.

“Jetzt aber, nachdem der Fluss unkontrollierbarer Ereignisse die Sphäre der “durchschnittlichen Alltäglichkeit des Daseins” überflutet hat, versinkt die ereignislose Vergangenheit als betäubte Erinnerung an das Sein in das Gedächtnis – Sein wurde durch die Regel der Widersprüche widerlegt.”*

Bleibt die Schwierigkeit, neidlos auf die zu blicken, die es dennoch geschafft haben. Die in der Flut der unkontrollierbaren Ereignisse ihr Ziel nicht aus den Augen verloren haben und deren Sein nicht durch die Regel der Widersprüche widerlegt wurde.
Tja.

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* Zitate aus: Tupitsyn, Margarita. Fotografie als Heilmittel gegen das Stottern. In: Michailow, Boris. Unvollendete Dissertation. Zürich (u.a.) 1998., S. 218-220.

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2 Responses to “Unfinished Dissertation”

  1. Anne says:

    Liebe Jule, ein Schlusspunkt ist ein Schlusspunkt ist nicht endgültig. Ich gratuliere zur Entscheidung. Das macht das Leben leichter und du kannst dich entspannter auf die Gegenwart und die Zukunft konzentrieren. Und wer weiß, was sich noch alles ergibt später. Das Wirken der Regeln der Widersprüche ist unergründlich ;-)

  2. admin says:

    Knutsch!
    Aber was mich wirklich wurmt: das ich nun aus der Kohorte der potentiellen Gnosenschreiber für den dekoder rausfalle. Nun ja, man kann nicht alles haben ;)

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