March 9, 2016 0

Russen in Berlin

By in Gedanken, Projekte

Nein, weder bekommt die 5. Kolonne Putins in Marzahn hier ein Forum, noch die bezahlten Internet-Propagandatrolle, es gibt auch welche, die machen Kultur.

Ich bin zu spät, aber wie immer schreibe ich mir etwas vom Herzen und von der Seele. Zum Beispiel das: Habe mir auf der 2016er Berlinale die Premiere des Erstlings von Daniil Zinchenko “Elixir” angesehen. Im letzten Jahr gab es übrigens das Kinodebut seiner Mutter, Ljudmila Zinchenko: “Vyshyvalshitsa / Embroideress“, was ich als ganz hingebungsvoll produziertes Stück Kino empfunden habe. Und nun der Sohn, der ebenfalls über Umwege zum Kino gekommen ist. Bei beiden Künstlern scheint der Weg zum Film lang, aber folgerichtig, auch eine gewisse “Familienähnlichkeit” in der Motivik und Dramaturgie ist nicht von der Hand zu weisen ;)

Ich empfand Zinchenkos Märchen nicht als “sperrig”, wie oft kritisiert. Man muss sich allerdings auf die Mystik und Poesie einlassen können, das stimmt. Aber es ist glasklar dramatisiert und in der russischen Kultur fest verankert, beinahe schon ein Potpourri. Ich hatte an gewissen Stellen eher das Gefühl, es mit einer Art “Gesamtplagiat” zu tun zu haben (was dem Kinogenuss aber keineswegs Abbruch getan hat!), malerisch, cineastisch, poetisch, mythologisch, es fänden sich so viele Anknüpfungspunkte… Zinchenko selbst nennt natürlich Andrej Platonov und Pavel Pepperštejn.

Aber ich wollte von etwas ganz anderem erzählen, viel persönlicher.

Zwölfte Klasse, Theater-AG, Darstellendes Spiel oder so.
Ich war eine Theaterenthusiastin. Und vollkommen genervt von dem, was seit Jahren unter dem Stichwort “Theater” bei uns in der Schule ablief. Und so schrieben meine Freundin Freddi & ich ein Stück, sammelten eine Truppe und brachten das Ganze auf die Bühne. Wir durften im neu bezogenen Schulgebäude in der Aula proben, die noch nicht saniert war. (Sowas wäre heute nicht mehr möglich…) Ein dreckiges Stück Dachboden mit Löchern in den Bühnendielen und blätternder Farbe an den Wänden. Null Ausstattung. Riesige, zugige Fenster. Bauschutt. Kaputte Fotos im Dreck. Wie im Film. Ein Paradies für achtzehnjährige Theateranarchisten. Das Stück war ein komplettes Plagiat, eine Zitatensammlung aus der ganz großen Literatur und die Figuren waren gestanzte Vorlagen aus der Welt der Fabeln, Mythen und Religionen und der Weltgeschichte. Um unsere Lieblingstexte und die Figurenhüllen, in die wir unsere Theaterfreunde steckten, bastelten wir eine grobe Narration. Wir nannten das Machwerk nach Ringelnatz “Das Fest des Wüstlings“, und genau das sollte es auch werden: ein wüstes Fest. Eine Abrechnung mit allem, was man uns als “richtiges Theater” verkaufen wollte. Eine Mutprobe. Würde sowas in der Schule zur Aufführung kommen? Und vor allem eine Machtprobe. Was würden die Leute, unsere Schauspieler, unsere Freunde, denen wir die jeweils entlarvendst mögliche Rolle zugedacht hatten, mitmachen? Sich gefallen lassen von zwei selbsternannten Amateurregisseurinnen? Alles ging glatt. Niemand hat uns Steine in den Weg gelegt, das machte uns irgendwann misstrauisch. Und nahm dem Projekt den Kitzel und den Schwung. Wir probten weiter. Alles klappte. Die Premiere ging über die Bühne und wurde beklatscht. Wir waren fassungslos. Niemand fragte nach, kritisierte, beschwerte sich über diese Zumutung. Es war wirklich eine Provokation. Noch dazu schlecht gemacht. Und niemand hat uns das jemals ins Gesicht gesagt. Im Nachhinein war es, als hätte das Ganze nie stattgefunden. Niemand sprach über diese Inszenierung, niemand mit uns über die Motivation. Die Rebellion ging ins Leere und wurde aus der Chronik gestrichen. Es war ja nur Schülertheater. Gummizelle. (Über die Stimmung in der Schule der Nachwendezeit habe ich mich schon einmal hier im Blog ausgelassen: HIER)

Warum kommt diese Erinnerung an das alles hoch? Weil Zinchenkos Film mir von einer ganz ähnlichen Geste zu sein scheint. Weil er uns hier einen esoterischen Stempelkasten als Film präsentiert, weil er in Interviews auf Mythen und die russische Kulturgeschichte und ein paar große zeitgenössische Namen verweist, und alle nicken und finden es stimmig und wissen Bescheid. Weil niemand nachfragt und die große Verzweiflung beim Namen nennt. Weil alle froh sind, dass es in Russland überhaupt noch möglich ist, unabhängige Filme zu machen. Weil der Film Erfolg haben wird, ohne dass ihn jemand versteht. Nicht, weil er so tiefgründig und psychologisch ausgefeilt wäre. Sondern weil niemand nach seiner Entstehungssituation fragt. Mal sehen, ich bin schlecht in solchen Prognosen, aber mir scheint, es bahnt sich hier ein Missverständnis an. Vielleicht werde ich Zinchenko mal dazu befragen, das ist eine gute Idee, dann gibt es hier ein Update.

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